“Eichmann war nicht […] Macbeth […]. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive.“ (Hannah Arendt, in EICHMANN IN JERUSALEM)

 

 

 

EICHMANN

wo die Nacht beginnt

 

(Eichmann – dove inizia la notte)

 

 

 

Stück von

STEFANO MASSINI

 

 

Deutsch von Sabine Heymann

 

1 D, 1 H / 1 Dek.

DEA 26. März 2025 Bühnen Bern, CH-Bern

 

 

Der Text ist ein einziger Akt schockierender Einfachheit, ein fiktives Interview der Philosophin, Schriftstellerin und Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt mit demjenigen, der am meisten die Umsetzung von Gewalt in Berechnung, in Gestaltung, in ein wirksames Schema verkörpert. 1960 wurde Adolf Eichmann, der die Ausrottung von Millionen von Juden geplant, strukturiert und damit möglich gemacht hatte, in Argentinien verhaftet und in Israel vor Gericht gestellt. Stefano Massini schöpft aus den Protokollen der Verhöre in Jerusalem, aus den Gerichtsverhandlungen, aus der deutschen und jüdischen Geschichtsschreibung, sowie aus Arendts Essays und schafft daraus diesen intensiven theatralischen Dialog grausamer, beispielloser Macht.

 

Eichmann rekonstruiert alle Passagen seiner überwältigenden Karriere mit Hitler und Himmler wie nie zuvor. Von einer Beförderung zur nächsten wird in einem Crescendo aus Anerkennung und Einkommen langsam das Bild der Endlösung aufgebaut, das hier in seinem elementarsten Aspekt einer riesigen Organisationsmaschine beschrieben wird: Wie wurde mit Gas experimentiert? Wann wurde der Beginn der Vernichtung entschieden? Wie wurde der Schrecken von Auschwitz tatsächlich bewältigt? Und es eröffnet sich Schritt für Schritt eine überraschende Perspektive: Eichmann das Monster, kommt als erschreckend durchschnittlicher Mann daher. Und genau hier nimmt schließlich das Böse Gestalt an: in der alltäglichsten und unvermuteten menschlichen Kleinheit.

 

 

 

Das sagte die Presse zur DEA in Bern:

 

blank„Weder Massini noch die Berner Darsteller:innen [versuchen] schillernde Charaktere oder eine spannungsvolle Gesprächsdramaturgie aufzubauen. […]

Dennoch bleibt das Spiel nicht im Ungefähren, zu konkret und erschütternd sind die Fakten im Hintergrund des Dramas. […] Der Berner Inszenierung gelingt es, dem Bösen nachzuspüren, der Denk-Faulheit, deren Ergebnis Gewalt und Mord waren – und immer wieder werden können.“

(Die Deutsche Bühne)

 

Wie lässt sich der Punkt erkennen, an dem das Böse einsetzt? Gibt es ihn überhaupt? Es ist eine der beunruhigenden Fragen, die Hannah Arendt in ihrem Eichmann-Buch stellte. […] Der italienische Autor und Regisseur Stefano Massini, der in seinen Zeitgeschichtsdramen wie wenige große Stoffe in leichtfassliche Formen zu gießen versteht, hängt an ihr seinen neuen Theatertext auf. […]

Alles hat einen Anfang. Diesen – kaum wahrnehmbaren – Augenblick, in dem man vom Nichts zum Etwas übergeht“ – den sucht in Massinis Zweipersonenstück Hannah Arendt im Dialog mit Adolf Eichmann. Ein Dialog, der natürlich historisch niemals stattgefunden hat, das ist die explizite Prämisse, sie ist unverzichtbar als grundlegende dramaturgische Übereinkunft, die Massinis Spiel mit Nähe, Distanz und Perspektivenwechsel ermöglicht und zum Lehrstück macht.“ (Nachtkritik)

 

„Ein Abend, der zu denken gibt. […] Die grosse Leistung von «Eichmann – wo die Nacht beginnt» ist, dass der unerbittliche Erkenntnisdurst Hannah Arendts auf der Bühne lebendig wird. Man kann sich dieses ausdauernde Verstehenwollen zum Vorbild nehmen, wenn es darum geht, über das Böse unserer Tage nachzudenken.“ (Der Bund)

 

 

 

 

blankStefano Massini, geboren 1975 in Florenz, gehört zu den wichtigsten neuen Autoren des italienischen Theaters. Nach dem Studium der Altphilologie kam er als Hospitant bei Luca Ronconi im Mailänder Piccolo Teatro zur Bühne und wirkte seit 2000 selbst als Regisseur. Seit er sich dem Schreiben zugewandt hat und 2005 gleich den begehrten Premio Pier Vittorio Tondelli gewann, ist die Liste seiner Nominierungen und Preise lang.

Zu seinen erfolgreichsten Texten gehört Donna non rieducabile /EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU, ein Stück über Anna Politkovskaja, das auf der ganzen Welt gespielt wird. 2013 erhielt Massini den Premio speciale Ubu für sein dramatisches Werk.

Darüber hinaus schrieb er die aufsehenerregende Trilogie über die Geschichte der Lehman Brothers Bank: LEHMAN TRILOGY wurde in Frankreich uraufgeführt. Die Italienische Erstaufführung fand 29.01.2015 am Piccolo Teatro Grassi di Milano statt, Regie Luca Ronconi. Die deutschsprachige Erstaufführung fand in Koproduktion am 05. Juni 2015 am Staatsschauspiel Dresden und im Frühjahr 2016 an den Bühnen der Stadt Köln, in der Regie von Stefan Bachmann statt. 2022 erhielt Massini für LEHMAN TRILOGY den Tony Award für das beste Theaterstück.

 

 

 

Fotos  © Yoshiko Kusano

 

 

 

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