Betäubende Geruch Stuttgart 1LADIES FOOTBALL CLUB

 

 

Stück von

STEFANO MASSINI

 

Deutsch von Sabine Heymann

variable Besetzung

UA 4. Mai 2021 Piccolo Teatro di Milano - Teatro d'Europa

DSE 7. Oktober 2022 Staatstheater Meininigen

 

 

Am 6. April 1917 meldete das Radio 11 Tote von der Front.

Am 6. April 1917 traten die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg ein.

Am 6. April 1917 bereitete Lenin die Oktoberrevolution vor.

Vor allem aber begannen am 6. April 1917 elf Arbeiterinnen der Doyle & Walker Munitionsfabrik, hinter einem Ball herzulaufen.

 

Ladies Football Club 1So beginnt Stefano Massinis neues Stück LADIES FOOTBALL CLUB. In einer furiosen und witzigen Erzählung, ganz auf der Höhe seiner berühmten „Lehman Brothers“, setzt sich der italienische Erfolgsautor mit dem Phänomen des Frauenfußballs auseinander, der in England während des Ersten Weltkriegs bei Publikum und Medien einen ersten Boom erlebte, bevor die Football Association 1921 verlautbaren ließ, Fußball sei für Frauen „nicht geeignet“ und ihnen in England die Benutzung der Stadien verbot. Ein Verbot übrigens, das erst 50 Jahre später aufgehoben wurde. Viele dieser „Mannschaften“ waren also nach wenigen, unglaublich erfolgreichen Jahren zur Auflösung gezwungen. LADIES FOOTBALL CLUB ist die Geschichte von einer davon.

 

Wie an jedem Tag also sitzen die elf Arbeiterinnen am 6. April 1917 auf der Backsteinmauer, die den Fabrikhof umgibt und beißen in ihre Sandwiches. Doch etwas ist anders als sonst. Ihr Blick fällt plötzlich auf einen Ball, der dort herumliegt, genauer gesagt: keinen Ball, sondern Sister K, eine Fakebombe für Übungszwecke - die harmlose Variante der gefährlichen K4-Bombe. Sieht aber aus wie ein Ball, rollt auch wie ein Ball. Die Frauen, die durch Väter, Brüder, Ehemänner seit ihrer Kindheit passive, aber begeisterte Fußballerinnen sind, legen los. Und das ist der Anfang einer unerhörten Erfolgsgeschichte.

 

Betäubende Geruch Stuttgart 3Sie spielen jeden Tag. Und jeden Tag besser. Ihre sportliche Bravour spricht sich herum, bis selbst Fabrikbesitzer Hubert Walker nicht umhin kann, auf das seltsame Treiben aufmerksam zu werden. Sogleich wittert er eine Publicity-Chance: Charity-Fußball! Die Football-Ladies eilen nun von Sieg zu Sieg gegen Altherren-, Priesterseminaristen- und Kindermannschaften, sie spielen in immer größeren Stadien, vor denen die Leute Schlange stehen. Der Höhepunkt ist das Match gegen die Damenmannschaft einer Textilfabrik aus Chesterfield mit deutschem Boss: eine Ladies Mannschaft, die aus lauter deutschen Damen besteht.  Da wird der Fußballplatz zum Schlachtfeld. Und dann das bittere Finale, das Aus für den Ladies Football Club – mit Knalleffekt.

 

 

Die Presse zur deutschsprachigen Erstaufführung in Meiningen:

 

„Für die Frauen tut sich durch den Krieg ein Vakuum auf, das am Ende die bittere Wahrheit verkündet: Selbstentfaltung geht nur, wenn die Männer nicht da sind. Der Fußball wird zum Symbol ihrer Befreiung. [...] Als Chor verbinden sie sich und verschmelzen zu einem Gehirn – finden zu jener Kunst, auf der sich auch ihr gemeinschaftlicher Erfolg auf dem Rasen begründet. [...] Nachdenklich wird es, als die zu Fußballerinnen gewordenen Arbeiterinnen auf dem Zenit ihres Erfolgs just während eines Spiels die Botschaft erreicht: Der Krieg ist aus. Eigentlich ein Grund zu ekstatischer Freude. Aber gleichzeitig auch: Spielabbruch. [...] Ganz nüchtern betrachtet: So ein reiner Frauenabend ist etwas Besonderes. Elf Frauen gemeinsam auf der Bühne, das sieht man nicht alle Tage. Und das ist in Meiningen auch eine Entscheidung. So hätte es etwa mit dem Fabrikbesitzer eine durchgängige Männerfigur gegeben. Simone Blattner lässt sie in Doppelbesetzung von einer der Frauen spielen." (Nachtkritik)

 

Es [entfaltet] Sog und Kraft. Es gibt keinen Ball und überhaupt kein Requisit bis zum Finale, aber wir sehen ihn. So sehen wir auch invaliden Männer sowie Halbwüchsige, gegen die sie antreten, gehässige Rotkreuzschwestern und hysterische Mütter am Spielfeldrand, sehen Hoffnung und Verzweiflung, Witz und Wut auf dem Platz und im Leben. Aus dem [...] Abend entwickelt sich einer zum Niederknien. Der Star ist die Mannschaft." (Thüringer Allgemeine)

 

 

 

 

Massini Foto RahmenStefano Massini, geboren 1975 in Florenz, gehört zu den wichtigsten neuen Autoren des italienischen Theaters. Nach dem Studium der Altphilologie kam er als Hospitant bei Luca Ronconi im Mailänder Piccolo Teatro zur Bühne und wirkte seit 2000 selbst als Regisseur. Seit er sich dem Schreiben zugewandt hat und 2005 gleich den begehrten Premio Pier Vittorio Tondelli gewann, ist die Liste seiner Nominierungen und Preise lang.

Zu seinen erfolgreichsten Texten gehört Donna non rieducabile /EINE NICHT UMERZIEHBARE FRAU, ein Stück über Anna Politkovskaja, das auf der ganzen Welt gespielt wird. 2013 erhielt Massini den Premio speciale Ubu für sein dramatisches Werk. Lehman Trilogy wurde im Januar 2015 in Italien am Mailänder Piccolo Teatro in der Regie von Luca Ronconi erstaufgeführt.

  

Fotos Produktion Meiningen © Christina Iberl

 

 

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